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Interview: Ilja Grzeskowitz zu Change und Digitalisierung

Ein Interview zum Thema Veränderung und Digitalisierung mit dem „Change Botschafter im deutschsprachigen Raum und darüber hinaus - Ilja Grzeskowitz.

 

Er ist Speaker, Bestseller Autor und natürlich Change Experte - sein Antrieb: ganz klar „die Veränderung.

 

Ilja beantwortet Fragen u.a. wie er selbst zum Thema Change gekommen ist, aber auch was für ihn Digitalisierung bedeutet und wie sein persönlicher Digital Workplace aussieht.

„Ilja Grzeskowitz – Keynote Speaker, Bestsellerautor & Change Experte“

  • 1975: Geboren in der schönen Hansestadt Lübeck
  • 1994: Abitur am Carl-Jacob-Burkhardt Gymnasium zu Lübeck
  • 1994: Zivildienst am Universitätsklinikum Lübeck: Arbeit in einer integrativen Einrichtung. Arbeit mit behinderten und lernschwachen Kindern
  • 1995 – 2001: Studium der Wirtschaftswissenschaften in Greifswald, Mannheim und Hamburg. Schwerpunktfächer: Marketing, Wirtschaftspädagogik und Organisationstheorie. Abschluss: Diplom Kaufmann
  • 1995 – 2001: Diverse Jobs, u.a.: Dolmetscher für amerikanische und nigerianische Unternehmen, Barkeeper, Businessplan Schreiber, Consultant für Start-Ups, Business Development Manager 
  • 2002 – 2008: Geschäftsführer für Karstadt, Hertie und Wertheim mit insgesamt zehn Standorten in Lübeck, 2 x Hamburg, Kassel, Mönchengladbach, Frankfurt/Oder und 5x Berlin
  • 2008 – 2009: Storemanager IKEA in Hamburg
  • 2009: Gründung von IG Enterprises
  • Seit 2009: Keynote Speaker, Change Experte und Bestselllerautor

Ilja du bist für mich der „Change Botschafter“ im deutschsprachigen Raum und darüber hinaus. Deine Vorträge und Bücher finde ich sensationell und extrem motivierend.

Wie bist du selbst zu dem Thema „Change“ gekommen?

Was ist deine persönliche Geschichte?

Da ist die Antwort relativ einfach. Das ist der rote Faden in meinem Leben. Ich habe nach meinem Wirtschaftsstudium als Geschäftsführer bei Karstadt angefangen und war in dieser Zeit mit so vielen internen und externen Veränderungen konfrontiert die normalerweise für drei Leben gereicht hätten. Ich habe Sozialpläne durchführen müssen. Ich habe große millionenschwere Umbauten machen dürfen. Ich habe Personalwechsel an der Unternehmensspitze gefühlt wöchentlich erlebt. Und das hat mich einfach geprägt. Es hat mich nicht mehr losgelassen. Und seit 2009 mache ich das Ganze mit meinem eigenen Unternehmen und mich interessiert einfach die Frage „Was treibt Menschen an?“, „Warum ticken wir wie wir ticken?“, „Wie kann man sich nachhaltig für Veränderung immer wieder selber motivieren?“. Und das ist mein Antrieb. Das ist das was mich an meinem Thema so fasziniert.

Digitalisierung ist in aller Munde. Viele können den Begriff nicht mehr hören - was teilweise verständlich ist, da er teilweise überstrapaziert wird. Dennoch stehen uns in den nächsten Monaten und Jahre große Veränderungen bevor die sich im Ausmaß der industriellen Revolution einordnen lassen.

Was ist deine persönliche Meinung dazu?

Ja, das stimmt: Digitalisierung ist in aller Munde. Und es stimmt auch, sehr viele können es nicht mehr hören. Allerdings ist das was ich immer wieder feststelle der Begriff ist zwar in aller Munde, aber ist nicht in aller Menschen Taten vertreten. Dh viele reden darüber, aber die wenigsten handeln wirklich konkret. Und einer meiner Leitsprüche ist „Jeder will Veränderung, niemand will sich wirklich verändern“. Und wenn ich mir so die Haltung im deutschsprachigen Raum anschaue, stelle ich fest, wenn man sich zB  unsere Schulen mal anguckt: Die Schulen unserer Kinder schreiben teilweise noch mit Overheadprojektoren, Kreide auf Tafeln und haben Arbeitsbedingungen wie vor 20/30 Jahren. In Umfragen sagen 56% der Lehrer, dass die Digitalisierung in Zukunft keine Rolle spielt. In Unternehmen stelle ich immer wieder fest, dass die Strategie vor allem so „Prinzip Hoffnung“ ist. „Hoffentlich wird es uns schon nicht treffen, wenn wir uns ganz ruhig verhalten“ oder „Wir sind ja nicht betroffen – bei uns ist alles ganz anders“. Und wenn Unternehmen dann mal Digitalisierung angehen, dann mit Methoden von früher: Wir versuchen mal so Sachen die in den 80er/90er funktioniert haben irgendwie auf die Herausforderungen der Zukunft anzuwenden. Das wird einfach nicht funktionieren, weil Digitalisierung ist erst ganz am Anfang. Da werden noch massivste Veränderungen auf uns zukommen, die nicht nur die Märkte durcheinander wirbeln werden. Es wir die Art komplett wie wir leben massivst verändern. Dadurch werden sich Arbeitsplätze verändern. Unser Alltag wird sich verändern. Unternehmen und wir als Persönlichkeiten sind sehr gut beraten uns da konkret darauf einzustellen.

„Ilja Grzeskowitz – Keynote Speaker, Bestsellerautor & Change Experte“

Eine entscheidende Fähigkeit in der Zukunft wird der Umgang mit Veränderungen sein:
Für Menschen, Unternehmen aber auch für Staaten.

Wie siehst du derzeit die Situation in Deutschland, Österreich und der Schweiz?

Ich stelle zum Glück fest, dass es ein gewisses Umdenken gibt. Sowohl bei einzelnen Menschen, aber auch bei Unternehmen. Denn dort gibt es immer mehr Köpfe die begriffen haben das der persönliche Umgang mit diesen Veränderungen die wichtige Schlüsselkompetenz sein wird. Und diese Unternehmenslenker und Persönlichkeiten setzen dann auf Themen wie Werte, Menschlichkeit, langfristige Visionen und treiben die Veränderungen aktiv voran. Und das ist exakt das was wir in Zukunft brauchen. Nämlich nicht dieses Reagieren auf externe Faktoren. Das ist nicht das Krisenmanagement das wir immer wieder sehen, sondern wir brauchen aktive Veränderung. 

 

Was Staaten angeht, da bin ich eher skeptisch. Wenn ich mir die Bürokratie in Deutschland ansehe und den Digitalisierungsgrad auf deutschen Ämtern, da wird mir wirklich Angst und Bange. Die arbeiten teilweise mit  „Windows 95 Rechnern“ o.ä. und haben diese riesigen Röhrenmonitore bei sich auf den Schreibtischen stehen. Es ist einfach nicht möglich, irgendwelche Dinge online zu beantragen. Da wird sich noch ganz viel tun müssen. Aber zumindest in der Wirtschaft gibt es ein Umdenken und das finde ich richtig gut.

Siehst du weltweit einen Unterschied wie Menschen mit Veränderungen umgehen?

Gibt es Länder die hier offener sind und welche die eher die Veränderung scheuen?

Ja, das stelle ich tatsächlich fest. Ich bin ja relativ häufig in den USA unterwegs und die Menschen in den USA sind tendenziell, natürlich kann man die Österreicher, die Deutschen, die Schweizer und die Amerikaner nicht über einen Kamm scheren, aber ich finde die Amerikaner offener was das Thema Veränderung angeht. Sie sind mutiger, weil sie auch mit dem Thema Unternehmertum ganz anders umgehen. Sie haben mehr Mut zum Scheitern, da ist es auch kein Problem wenn man pleite geht. Dadurch haben sie glaube ich immer noch ein Stück weit diesen „vom Tellerwäscher zum Millionär – Gedanken“ im Kopf. Während wir hier in Österreich, Deutschland und der Schweiz vor allem eher das Sicherheitsdenken ausgeprägt haben und durchaus etwas konservativer sind.

Wie könnte das Bildungssystem dabei unterstützen?

Ich denke, dass muss sich radikal verändern in den nächsten Jahren. Dass wirklich Fächer auf den Stundenplan kommen die praxisorientiert sind und die Kinder auf das Leben vorbereiten. Und da meine ich Sachen wie natürlich Wirtschaft, Unternehmertum, aber auch wie Kommunikation, persönliche Entwicklung. Das sich Kinder mit sich selbst beschäftigen. Das sie herausfinden, wie Menschen miteinander kommunizieren. Und das vor allem Kinder in ihren individuellen Stärken und Bedürfnissen abgeholt werden. Und nicht in Schachteln gepresst werden und den Spaß am Lernen im Laufe der Zeit verlieren. Das heißt natürlich auch, dass ich immer wieder dafür plädiere, dass sowohl Lehrer an Schulen als auch Professoren an Universitäten irgendwann einmal am wahren Leben teilgenommen haben sollten. Sie sollten wissen, wie es da Draußen ist. Ansonsten haben wir einfach die Situation, dass Lehrer Abitur machen auf die Universität wechseln und direkt danach wieder zur Schule kommen. Und dann unseren Kindern erklären wollen, wie das Leben funktioniert, obwohl sie es selbst noch nicht erfahren haben. Das funktioniert ganz einfach nicht. Individualität und die Kinder mit Spaß unterrichten und in den richtigen Fächern. Das ist glaube ich das wo sich das Bildungssystem ändern muss.

 

Neben der Veränderung wird Geschwindigkeit eines der großen Themen in der Zukunft. Du bist selbst sehr in den sozialen Medien vertreten und manchmal hat man den Eindruck du bist „always-on“. 

Wie gehst du persönlich mit der Zunahme von Geschwindigkeit um?

Ja, die Zunahme der Geschwindigkeit ist durchaus sehr intensiv und manchmal habe ich auch das Gefühl, dass sie einfach überwältigend ist. Die Anzahl der Plattformen nehmen zu und die Sachen die man gleichzeitig beackern muss, wenn man sichtbar werden möchte. Ob das Podcasts sind oder Videos, Blogbeiträge, Sozialen Medien oder Fachartikeln sind. Und das ist extrem viel. Ich gehe damit so um, dass ich Prioritäten setze, ich mich ganz genau frage „Wie möchte ich meine Zielgruppe am Besten erreichen“, „Wie ist meine Message?“, „Wie klar bin ich mir darüber?“ und dann auf die Plattformen fokussiere die mir wichtig sind. Und die, die mir nicht wichtig sind einfach weglasse. Das zweite ist, ich hole mir natürlich Unterstützung von Menschen, die sich damit gut auskennen. Ich mache das nicht alleine. Ich habe ein Team, das mich dabei super unterstützt. 

Wie ausschlaggebend ist es für deinen Job?

Es ist wahnsinnig wichtig! Ganz einfach weil die Kunden und Menschen einfach in den Sozialen Medien unterwegs sind. Weil sie Podcasts und Videos konsumieren. Weil sie Content unabhängig von Plattformen konsumieren. Ob das die Bücher sind oder irgendetwas anders. Menschen ist es egal, wo sie Content konsumieren. Hauptsache sie bekommen ihn. Deshalb muss man darauf achten, dass man dort, wo die eigene Zielgruppe unterwegs ist eben auch diesen Content platziert. Und von daher ist das für mich extrem wichtig.

Was tust du für deinen Ausgleich?

Und natürlich muss ich auf meinen Ausgleich achten. Ich reise sehr viel, ich verbringe sehr viel intensive Zeit mit meiner Familie. Ich golfe für mein Leben gern. Das Golfen ist für mich der schönste Ausgleich den ich haben kann. Denn wenn man auf einer Golfrunde ist, kann man nicht gleichzeitig über den Job nachdenken. Anonsten kann man die Natur nicht genießen und sich nicht auf das Spiel konzentrieren. 

 

Cloud, Roboter, Artificial Intelligent (AI), Virtual Reality (VR), Augmented Reality (AR), Conversional UI, Chatbots… sind nur einige neue Technologien. Diese werden auch unseren persönlichen Arbeitsalltag sehr bald verändern. In manchen Unternehmen ist heute noch „Homeoffice“ ein Tabuthema. Auch der Gesetzgeber trägt (noch) nicht zu einer Modernisierung bei (Stichwort: „Flexibilisierung der Arbeitszeit“).

Wie siehst du den Arbeitsplatz der Zukunft?

Ich habe es schon zweimal kommentiert. Das ist tatsächlich so, manche Unternehmen arbeiten heute noch mit Strukturen und einer hierarchischen Sichtweise von 1980 oder 1970. Von Bürokratie und Behörden habe ich vorhin schon etwas gesagt. Und das wird sich radikal verändern. Der Arbeitsplatz der Zukunft wird in den nächsten Jahren aus meiner Sicht nicht mehr rein stationär sein. Es wird sich immer mehr auf mobile Geräte verlagern. Wir arbeiten immer mehr vernetzt. Das Thema Virtual Reality wird eine große Rolle spielen. Vielleicht gibt es sogar virtuelle Meetingräume wo wir uns treffen, obwohl wir eigentlich am Strand liegen oder im HomeOffice sind. Die Flexibilität wird insgesamt viel mehr zunehmen. Menschen und gerade den jungen Menschen (X, Y, Z) ist das Thema monetäre Vergütung gar nicht mehr so wichtig. Stattdessen wollen sie Werte leben können, ihren Beruf und die Familie unter einen Hut kriegen und sie wollen gleichzeitig eine Bedeutung haben während sie ihren Job machen. Und sie werden nicht 5 Tage in der Woche von 9 – 17.00 Uhr in ein Büro fahren. Sie werden vielleicht vier oder fünf Tage sogar von ganz woanders arbeiten, während sie um die Welt reisen und andere Dinge tun. Moderne Technik macht es möglich. Clevere Arbeitgeber haben jetzt schon begriffen, dass man da etwas tun muss und sie fangen an das Thema HomeOffice einzuführen und Kinderbetreuung sicher zu stellen. Sie geben Menschen maximalen Freiraum und sind eher ergebnisorientiert. Da wird sich in der Zukunft noch massiv etwas verändern.

Wie sieht dein Arbeitsplatz aus? Ich nehme an dieser ist nicht nur in deinem Büro.

Tatsächlich mein Arbeitsplatz ist zweigeteilt: De facto ist mein Büro die Kombination aus meinem Laptop und meinem Smartphone (iPhone). Mein Arbeitsalltag ist so unterschiedlich. Ich habe insgesamt zwei Büros. Ich habe ein HomeOffice bei mir in Berlin. Außerdem bin ich in einem StartUp Business Club mit anhängenden CoWorking Space in Berlin, wo ich auch 1-2 Mal die Woche bin. Ansonsten arbeite ich von da, wo ich mich zur Zeit aufhalte. Ob das in einem Hotelzimmer ist, ob es auf Reisen ist, ob das im Flugzeug ist oder es in der Bahn ist. Ich habe mein mobiles Office immer dabei und kann vor allem über meinen Laptop und meine digitalen Systeme alles steuern. Und das mag ich aber auch, weil ich Orts unabhängig arbeiten kann und das wird in den nächsten Jahren zunehmen. Ich finde das faszinierend und es kommt meinem Lebens- und Arbeitsstil sehr entgegen. 

 

In einem deiner letzten Podcasts hast du „angeteasert“, dass du bereits an einem weiteren neuen Buch arbeitest. 

Möchtest du mehr dazu verraten?

Gerne! Dieses Buch wird im Herbst 2018 wieder im GABAL-Verlag erscheinen und es wird sich den Dingen widmen die ich schon ein bisschen angesprochen habe. Nämlich dem Erfolgsfaktor „Persönlichkeit in Zeiten massivster Veränderung“, weil ich nämlich immer wieder auf das Thema gestoßen bin. Bei aller Unsicherheit, Unberechenbarkeit, bei aller Digitalisierung der Zukunft der Mensch der wichtigste Erfolgsfaktor sein wird. Wenn wir in uns investieren, in unser Wissen, in unsere Fähigkeiten, in das was wir können, dann muss einem vor dieser Zukunft nicht Bange sein. Also wird sich alles um das Thema Mensch und den Erfolgsfaktor Mensch in dieser spannender Zeit widmen. Das Buch ist jetzt zu 85% fertig. Ich werde es Ende dieses Jahres abgeben und denke, dass ich Anfang 2018 schon den Titel verraten kann. Dann gehen wir auch schon langsam in die Cover-Gestaltung. Spätestens Anfang nächsten Jahres gibt es mehr dazu. 

 

Lieber Ilja - vielen herzlichen Dank für deine Zeit und deine Sichtweisen zu diesen Themen. 

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